The 1975 – A Brief Inquiry Into Online Relationships

In Reviews von Eric

Mit ihrem ausgiebigen, ausschweifenden Eklektizismus sind The 1975 hörbar Kinder des 21. Jahrhunderts, das gleichzeitig so fragmentiert und so kongruent ist wie keine musikalische Ära zuvor. Spätestens mit ihrem zweiten Album wurde das Quartett aus Manchester so zur Band, auf die sich irgendwie alle einigen können. Der kleinste gemeinsame Nenner? Ja. Aber auch viel mehr.

Auf ihrer dritten LP „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ bedienen sich die Engländer vieler zurzeit angesagter Sounds und Produktionstechniken, so dass man sie bei einem flüchtigen Hördurchgang leicht unterschätzen könnte. Doch bei näherem Hinhören bringt die Band um Frontmann Matt Healy eine beeindruckende musikalische Diversität an den Start. Diese lässt sich als Reflexion über immer und überall, aber ohne jeglichen Kontext verfügbare Musik genauso lesen wie als Protzerei der Band über ihr eigenes Kennertum.

Dass The 1975 gerade dieses Spiel mit verschiedenen Rezeptionsebenen bewusst spielen, zeigt sich spätestens in den Songtexten, die sich – grob gesagt – zwischen Social Media, Sex und Sozialkritik bewegen. Die Texte drehen sich genauso um Healy und insbesondere seine dunkle Seite wie um gesellschaftliche Beobachtungen. Durch diese Mischung erhebt er sich fast zwangsweise zum Sprachrohr einer Generation (frag nach beim alten Bono!). Und Healy hat auch die lyrischen Fähigkeiten dazu, wenn er etwa in „It’s Not Living (If It’s Not With You)“ von seiner Heroinsucht berichtet, schonungslos, ohne Selbstmitleid und sogar ein bisschen lustig. An anderen Stellen klingen die Texte nach unfertigen Ideen, die irgendwie kritisch, aber nicht zu Ende gedacht sind.

Musikalisch ist „A Brief Inquiry…“ ein atemloser Trip von Bon Ivers kürzlichen Autotune-Ausflügen im Opener über eine Joy-Division-Hommage („Give Yourself A Try“), cheesy Synthiepop („TOOTIMETOOTIMETOOTIME“), 80ies-Poprock („Love It If We Made It“), Glitch-Pop („I Like America & America Likes Me“), Songwriter-Balladen („Be My Mistake“), Jazz („Mine“) bis zu einem Siri-Spoken-Word-Track („The Man Who Married A Robot / Love Theme“).

The 1975s drittes Album ist nicht – wie vom NME ausgerufen – ihr „OK Computer“, setzt aber die Ambitionen der Band gut um, auch wenn sie es an manchen Stellen übertreibt. Es ist manchmal verwirrend, manchmal verängstigend, aber nie langweilig – wie die heutige Zeit. The 1975 sind die richtige Band dafür.

Tracklisting

  1. The 1975
  2. Give Yourself A Try
  3. TOOTIMETOOTIMETOOTIME
  4. How To Draw / Petrichor
  5. Love It If We Made It
  6. Be My Mistake
  7. Sincerity Is Scary
  8. I Like America & America Likes Me
  9. The Man Who Married A Robot / Love Theme
  10. Inside Your Mind
  11. It’s Not Living (If It’s Not With You)
  12. Surrounded By Heads And Bodies
  13. Mine
  14. I Couldn’t Be More In Love
  15. I Always Wanna Die (Sometimes)

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