Kettcar – Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)

In Reviews von Eric

Anderthalb Jahre nach ihrem letzten Album „Ich vs. Wir“ veröffentlichen Kettcar ihre neue EP „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“. Die fünf Songs sollen als Komplementärwerk zu „Ich vs. Wir“ funktionieren, das Album ergänzen und neue Blickwinkel und Bedeutungsebenen eröffnen, so die Ankündigung.

Das trifft insofern zu, dass EP und Album sich denselben Themen von Kapitalismus, Gesellschaft und dem (richtigen) Leben widmen. Auch die humanistische Botschaft, die Kettcar verbreiten möchten, ist auf den fünf Songs deutlich zu hören. Nur wird diesmal nicht das große kritische Rad über die gesellschaftspolitischen Zustände gedreht, sondern auf der Mikroebene in kleinen Geschichten dem Hier und Jetzt nachgespürt.

In der Vorab-Single „Palo Alto“ treffen in einem Waschsalon unterschiedliche Verlierer der Digitalisierung aufeinander: der Kulturjournalist, der Plattenladenbesitzer, die Pornodarstellerin, der Bankangestellte. Sie alle waren mal jemand, jetzt sind sie nur noch Nummern beim Jobcenter. Und jetzt vielleicht unterwegs nach Palo Alto, dem Mekka der IT-Industrie, und den ganzen Laden in die Luft jagen? Oder einfach sich selbst beenden? Zu einem treibend-hymnischen Postpunk-Sound werden diese Fragen gestellt, und auch wenn die Erwähnung von Herrn Kaiser und Gina (Wild) etwas zu platt ist, funktioniert der Song, weil er die Fragen offenlässt.

„Scheine in den Graben“ dreht sich um Charity-Veranstaltungen, bei denen publikumswirksam von mehr oder weniger bekannten Personen Geld für Bedürftige gesammelt wird – also um die Eventisierung dieses modernen Ablasshandels. Kettcar beweisen hier Ironie, in dem sie sich für den Song selbst einige prominente Mitmusiker*innen einladen, u.a. Gisbert zu Knyphausen, Sookee, Schorsch Kamer und Bela B.

„Notiz an mich selbst“ klingt dann nach den „alten“ Kettcar, mit seinem Britpop-Sound und den abstrakteren Zeilen, die keine Geschichten erzählen, sondern Slogans ähneln: „Deine Rock’n’Roll-Weisheiten kotzen dich an.“ „Natürlich für alle“ ist mit seinem Synthie-Fundament musikalisch der überraschendste Song, inhaltlich aber der schwächste: Marcus Wiebuschs Text über kritischen Konsum verzettelt sich zu sehr. Den Abschluss bildet die Gitarrenballade „Weit draussen“, das die Geschichte eines Wiedersehens mit einer alten Freundin erzählt, die mit ihrem behinderten Sohn auf Land zieht, um sich den Mitleidsblicken zu entziehen.

Kettcar ergänzen und bekräftigen mit „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ ihr kämpferisches Statement und ihren Appell, dass eine bessere Gesellschaft möglich ist. Trotz allem.

Tracklisting

  1. Palo Alto
  2. Scheine in den Graben
  3. Notiz an mich selbst
  4. Natürlich für alle
  5. Weit draussen

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