Kettcar – Ich vs. Wir

In Reviews von Eric

Kettcar machen mit „Ich vs. Wir“ das richtige Album zur richtigen Zeit, das man von ihnen vielleicht erhofft, aber nicht unbedingt erwartet hat. Über fünf Jahre hatte die Band nichts von sich hören lassen und Vermutungen über die Frühverrentung kamen auf, da Frontmann Marcus Wiebusch solo musizierend ganz zufrieden wirkte. Und ist lyrisch halbwegs anspruchsvoller Befindlichkeitsindiepop auf Gitarrenbasis und mit didaktischem Auftrag im Jahr 2017 nicht sowieso überholt?

Inhaltlich befeuert von Zeiten, in denen die Wut im Bürger und das Ressentiment in der Politik kochen, geben sich Kettcar auf ihrem fünften Album bissig und hymnisch wie lange nicht. „Ich vs. Wir“ ist moralisch integer und verbreitet eine humanistische Botschaft, ohne plump oder erzieherisch zu wirken. Ein Kontrapunkt zum TrumpAfDErdoganBrexit-Wahnsinn.

Schon die Vorab-Single „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ ließ aufhorchen. Obwohl der Vortrag mit gesprochenen Strophen und gesungenem Refrain durchaus Geschmackssache ist, bleibt die Botschaft (Flüchtlinge damals, Flüchtlinge heute) richtig und wichtig: Menschlichkeit reißt Zäune ein und baut keine auf. Eindringlich auch das Stück „Wagenburg“, das beschreibt, wie sich die sogenannten besorgten Bürger ihresgleichen suchen und sich in diesem Resonanzraum ihrer ausschließenden Ansichten vergewissern – die kleingeistige und kleinstmögliche Version von Wir.

Doch auch die eigene, linksliberale Klientel wird von Kritik nicht verschont. Die Selbstoptimierung und -darstellung der Generation Y zwischen Biosupermarkt und Altbauwohnung wird in „Die Straßen unseres Viertels“ spitz angeprangert: „Und der ewige Anspruch, und sich ständig vergleichen. […] Wir haben schließlich vereinbart, alles zu vereinbaren: Leben, Liebe, Beruf, und dann bitte den Schein waren. Den allercoolsten Freundeskreis, jeden Tag Sex. Bringst du heute die Kinder weg?“

Die Musik in den Songs vermittelt Dringlichkeit. Die Gitarren klingen rau, dürfen auch mal ausbrechen. Die Rhythmen sind meist treibend und an Postpunk angelehnt. Doch auch die jubilierenden Riffs, die Rockhymne rufen, trauen sich die Hamburger, ohne peinlich zu wirken.

Kettcar haben mit „Ich vs. Wir“ ein kämpferisches Statement abgegeben, das fast immer – musikalisch und textlich – den richtigen Ton trifft. Die wichtige Botschaft, wie es im letzten Song der Platte heißt: „Von den verbitterten Idioten nicht verbittern lassen.“

Tracklisting

  1. Ankunftshalle
  2. Wagenburg
  3. Benzin und Kartoffelchips
  4. Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
  5. Die Straßen unseres Viertels
  6. Auf den billigen Plätzen
  7. Trostbrücke Süd
  8. Mannschaftsaufstellung
  9. Das Gegenteil der Angst
  10. Mit der Stimme eines Irren
  11. Den Revolver entsichern

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