Tricky – Fall To Pieces

In Reviews von Thorben

Tricky ist da angekommen, wo er sich wohlfühlt. In Berlin. Dort, wo er zwar erkannt, aber in Ruhe gelassen wird, weil hier jeder zu cool ist, um noch coolere Leute anzusprechen. Musikalisch ist er aber auch dort angekommen, wo ihm niemand reinredet, denn er hat ja sein eigenes Label und darüber kommen seit ein paar Jahren sehr solide Platten heraus.

Musste er bei Domino, wo er zuvor unter Vertrag stand, noch Produzenten treffen, die ihm Vielfalt aufdrückten, damit für jeden und seine Mutter was dabei ist, kann er auf „Fall To Pieces“ vogelfrei und dadurch reduzierter und homogener denn je sein. Ein wummernder Bass, die sehr wichtige Kickdrum, Claps, hier und da ein Sample, dazu auf mehreren Songs ein schönes Cello. Konzentrierte Produktion, die den Sängerinnen Marta und Oh Land viel Raum lassen, um ihre zarten Stimmen auf die Beats fallen oder gar tröpfeln zu lassen. Das ist die konsequente Entwicklung nach ähnlichen, wenn auch in Nuancen düstereren Tracks auf dem Vorgänger „Ununiform“.

„I hate this fucking pain“, sagt dann aufschlußreich Tricky persönlich. Es liegt auf der Hand, dass er derzeit einfach nicht mehr sagen mag und damit drückt er unmissverständlich aus, dass er sein Baby, seine ältere Tochter Mazy, vermisst. Sie verstarb vor Kurzem. Wen macht das nicht sprachlos, gar ohnmächtig? In seinem Wohnhaus in Neukölln lebt ihre Doppelgängerin. Kann sich keiner ausdenken.

Konträr zum Privatleben bleibt das große Drama auf dem Album aus, ein logischer Ausgleich. Jetzt bitte Ruhe, Entspannung, Entschleunigung. Das ist kein Konzept, keine Stratgie, das ist Realness. Tricky eins zu eins, 2020. Das Album ist genau jetzt das richtige Kleid für Adrian Thaws. Jetzt geht er einen Schritt zurück, setzt seine prägnante, einzigartige Stimme noch punktueller ein als wir es kennen. Das wird diejenigen, die scharf auf Trickys Raps sind, nicht schmecken, aber irgendwas ist ja immer. Das Album könnte länger sein, mutet wie ein kurzer Besuch an. Er muss wieder weiter – ohne Angst davor zu scheitern. Woran auch? Mittlerweile ist die Auswahl an Alben so groß, dass jeder zu jeder Stimmungslage „seinen Tricky“ hören kann.

Tricky hingehen hört Marta zu, geht seinem Hobby Fotografie nach und wenn ihm danach ist, kommt er wieder zu Besuch auf den Plattenteller. Mit den Songs, die eben gerade so entstanden sind. Ohne Druck, ganz locker. Ein Album für den entspannten Genuss im Ledersessel oder im Bett, am Wochenende, wenn Körper und Geist noch nicht dieselbe Sprache sprechen und aufzustehen erst einmal keine Option ist. Optimal!

Tracklisting

  1. Thinking Of
  2. Close Now
  3. Running Off
  4. I’m In The Doorway
  5. Hate This Pain
  6. Chills Me To The Bone
  7. Fall Please
  8. Take Me Shopping
  9. Like A Stone
  10. Throws Me Around
  11. Vietnam

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