Loyle Carner – Not Waving, But Drowning

In Reviews von Eric

Was den Erfolg von Loyle Carners Debütalbum „Yesterday’s Gone“ vor zwei Jahren begründete, waren der für ein aktuelles HipHop-Album ungewöhnliche Ton und Inhalt: Keine Protzereien mit Besitz oder Körperteilen, auch keine Konzeptionen zur Gesellschafts- bis Welterklärung, sondern ein bekenntnisreiches, reflektiertes Soul-Searching mit Liebe zur eigenen Mum und Respekt vor Frauen, gebettet in old-schoolige Musik und vorgetragen mit entspannt-einnehmendem Flow.

Das brachte dem Süd-Londoner nicht nur eine Mercury-Prize-Nominierung, sondern hat auch seinen Stil manifestiert. Diesen pflegt er mit viel Charme auch auf „Not Waving, But Drowning“, dem eindringlichen Nachfolger. Darauf beschäftigt er sich mit den Schattenseiten des plötzlichen Ruhms, inspiriert aber gleichzeitig auch zu Ehrlichkeit und einer positiven Einstellung. Das Album ist ruhiger als der Vorgänger und stützt sich vornehmlich auf klassische HipHop-Beats und Piano-Loops. Das passt wiederum sehr gut zu Carners Geschichten, die noch nachdenklicher als auf dem Debüt wirken und von Gesprächs-Snippets unterstützt werden.

Die LP wird umrahmt von einem Gedicht Carners an seine Mutter, in dem er ihr von seiner neu gefundenen Liebe („a woman from the skies“) berichtet, und einem Gedicht von ihr an ihn, in dem sie ihm dazu gratuliert. „Krispy“ dreht sich um die schwierige Beziehung zu seinem kreativen Partner Rebel Kleff, die fast zerbrochen wäre. Auf „Looking Back“ – dem zentralen Stück des Albums – ist der Musiker zwischen seinen beiden Vätern hin und her gerissen, seinem biologischen (schwarzen) Vater und seinem (weißen) Stiefvater, ein Gleichnis auf die Widersprüchlichkeiten des modernen multikulturellen Großbritanniens, wenn er einräumt: „I’m lost“. Seiner bekannten Leidenschaft fürs Kochen folgend, benannte er zudem zwei Tracks nach seinen Lieblingsköchen Yotam Ottolenghi und Antonio Carluccio.

Die Features von Tom Misch, Jorja Smith, Sampha und Jordan Rakei sind perfekt gewählt und geben „Not Waving, But Drowning“ die Extraportion Soul. So gelingt Loyle Carner ein reflektierter Follow-Up seines Debüts, der aber immer entspannt bleibt. Der Junge kann es einfach.

Tracklisting

  1. Dear Jean
  2. Angel feat. Tom Misch
  3. Ice Water
  4. Ottolenghi feat. Jordan Rakei
  5. You Don’t Know feat. Rebel Kleff & Kiko Bun
  6. Still
  7. It’s Coming Home?
  8. Desoleil (Brilliant Corners) feat. Sampha
  9. Loose Ends feat. Jorja Smith
  10. Not Waving, But Drowning
  11. Krispy
  12. Sail Away (Freestyle)
  13. Looking Back
  14. Carluccio
  15. Dear Ben feat. Jean Coyle Larner

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