Austra – Hirudin

In Reviews von Martina

Was man nicht alles lernt, wenn ein Wort nicht eingeordnet werden kann. Auch der Biologieunterricht liegt schon einige Jahre zurück, um sich vielleicht daran zu erinnern. Aber dank Google ist das Wort „Hirudin“, welches sich Austra für ihr neues Album ausgedacht hat, gelöst. Denn „Hirudin“ ist die Bezeichnung für den medizinischen Speichel des Blutegels. Aha. Wer wünscht sich nicht schon seit langem Musik mit dieser Überschrift?!

Natürlich hat das Trio aus Toronto um Katie Stelmanis den Titel nicht ohne Grund gewählt. Der toxische Cocktail um eine schmerzliche Trennung, etlichen Herzschmerz und giftige Liebesbeziehungen zieht sich eine gute halbe Stunde durch die neue Musik der Kanadier. Nicht nur der Name des Albums ist gut gewählt, sondern auch die synthetische Kalt-Warm-Balance, die das Album niveauvoll umklammert. Dass Austra keine 0815-Musik mache, und sich nur wenige Stücke des Neulings als sehr eingängig entpuppen, war eigentlich von vornherein klar. Dazu trägt schon die Stimme der ausgebildeten Opernsängerin Stelmanis bei. Und damit etwas frischer Wind ins Geschehen kommt, hat sich das Trio genreüberschreitende Verstärkung mit ins Studio geholt.

Beim Electro-Pop ist es natürlich geblieben. Die ersten Klänge der vierten Veröffentlichung tönen sanft zur klaren Stimme Stelmanis‘, brechen im Refrain schnell aus und der Song entwickelt sich zu einer tanzwilligen Nummer. Der Wunsch nach Liebe in „All I Wanted“ reift langsam, sagt damit aber alles aus. Zum ruhigen Gesang mit wechselbarer Stimme bauen die klassisch eingefügten Instrumente nur eine leichte Dramaturgie zum Liebesaus auf. Im nächsten Track schon steigern sich die synthetischen Klänge zu einer wuchtigen Melodie, dröhnen und verbinden sich mit dem feinen Gesang. Diese rau-softe Mixtur wird mit kleinen elektronischen Bausteinen versehen. Stimmlein wechsle dich, heißt das Motto in „Risk It“, wenn das Lied gesanglich hochtönig, wie einst Kate Bush, beginnt und dann wohlig warm daher fließt.

Nicht nur der Gesang, sondern auch die Melodien wechseln wie die Phasen in einer Beziehung. Sensible Klänge oder ein poppigen Beat reflektieren den Gemütszustand der intimen, ganz persönlichen Geschichten und verarbeiten so das Verlassenwerden/-sein. Eben wie ein Blutegel, der sich in den Hals beißt, um das Gift des Liebesschmerzes nur ganz langsam aus dem Körper zu saugen.

Tracklisting

  1. Anywayz
  2. All I Wanted
  3. How Did You Know
  4. Your Family
  5. Risk It
  6. Interlude I
  7. It´s Amazing
  8. Mountain Baby
  9. I Am Not Waiting
  10. Interlude II
  11. Messiah

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