Reeperbahn Festival – 18.-21.09.19

In Konzerte von Anne

Fotos: Inken Petersen

Zum 14. Mal fand in den letzten Septembertagen eins der größten Clubfestivals statt, nämlich das Reeperbahn Festival in Hamburg. Das Festival besteht nicht nur aus Konzerten, sondern hat sehr viel mehr zu bieten und lockt unzählige Interessierte an.
Neben knapp 600 Konzerten von internationalen mehr oder weniger bekannten Künstler*innen fand eine Award-Show namens „ANCHOR“ statt. Es wurde ein breites Literatur- und Filmangebot präsentiert und gefühlt die halbe Musikwirtschaft konnte sich auf der sogenannten „Reeperbahn Festival Konferenz“ mit anderen Fachbesucher*innen auf vielfältigen Veranstaltungen austauschen.
Inmitten von zig verschiedenen Konzerten und einigen anderen Veranstaltungen haben wir uns bestens aufgehoben gefühlt und berichten von unserem Besuch rund um die Reeperbahn.

Mittwoch
Feist
Eine der bekannteren Künstlerinnen auf dem Festival ist Feist. Leslie Feist, so ihr richtiger Name, befüllt am Mittwochabend, fast zur Nacht, das Stage Operettenhaus. Die Location ist treffend gewählt und alleine die Vorstellung, Feist hier zu sehen, erweckt Vorfreude.
Hinter Feist befinden sich noch viele weitere Musiker*innen, z.B. an der Violine, am Klavier und an der Querflöte. Sowohl die Band als auch Feist selbst wirken sehr professionell; Leslie trifft jeden Ton und hat viele Gitarrensolos. Gleichzeitig ist die Atmosphäre total harmonisch und die Lichteffekte bewirken, dass Feist den ganzen Saal einnimmt, da sie von hinten angestrahlt wird, wodurch Intimität entsteht. Das hält die Sängerin jedoch nicht davon ab, mit dem Publikum zu scherzen. Sowohl Klassiker wie „I Feel It All“ und „My Moon My Man“ werden gespielt, aber auch Songs vom zuletzt veröffentlichten Album „Pleasure“, wie „A Man Is Not His Song“, „Get Not High“ und „I´m Not Running Away“.
Für eine Zugabe kommt sie nochmals zurück auf die Bühne und das Konzert endet mit „1234“.

Donnerstag
Say Yes Dog
Von der zweiten Reihe aus warten wir im Uebel und Gefährlich auf das Trio Say Yes Dog. Die Freude ist groß, denn wir haben sie schon länger nicht mehr live gesehen und im Mai dieses Jahres haben sie ihr zweites Album „Voyage“ veröffentlicht. Say Yes Dog betreten die Bühne, doch es wird ihnen kaum Applaus entgegengebracht und sie starten mit dem Opener „Deep Space“. Es scheint so, als wenn das Publikum erst warm werden muss, denn der Beifall hält sich weiterhin in Grenzen. Nachdem sie jedoch ein Song des alten Albums spielen, ist die Menge voll dabei. Ihren 80er-beeinflussten, von Synthies durchzogenen Elektro-Indie-Pop-Sound, der vor allem bei „Feel Better“ „My Soul“ oder „Lies“ zum Vorschein kommt, unterstreicht die Band zusätzlich mit einem dezenten Look, der einen in eine andere Zeit versetzt. Die Band witzelt untereinander herum und wir finden, dass sie ein besseres Publikum verdient hätten, doch auf einem Festival muss natürlich auch damit gerechnet werden, dass es „Laufkundschaft“ gibt und/oder manche sie nicht gut kennen, aber mal sehen wollen. Für uns war es dennoch schön, die Drei wiedergesehen zu haben.

Freitag
Ólafur Arnalds
Nach dieser Show steht für uns fest: viel öfter in ein Planetarium gehen!
Am Abend besuchen wir die limitierte, jeden Reeperbahn-Festival-Abend stattfindende 360°-Visuals-Show „Ekki Hugsa 360°“ des finnischen Multiinstrumentalisten Ólafur Arnalds. Diese besondere Veranstaltung findet im etwas von der Reeperbahn entfernten Planetarium statt, welches schon von außen mächtig imposant erscheint. Im Inneren angekommen herrscht freie Platzwahl. Wir werden vom Videoproduzenten Torsten Posselt begrüßt, welcher wenig später Ólafur Arnalds nach vorne holt. Dieser erzählt kurz, was es mit dem Film und dessen Titel auf sich hat. Vor einiger Zeit lebte er mit Angstzuständen und er wusste nicht, wie es weiterging. Ein Freund nahm ihn mit zu einem interaktiven Theaterstück, bei dem einer der Schauspieler etwas auf einen Zettel schrieb, diesen gleich wieder abriss, den nächsten Zettel beschrieb, diesen wieder abriss und das Ganze immer wieder wiederholte. Am Ende gab er Arnalds einen der Zettel in die Hand und meinte: „Der ist für dich“. Auf dem Zettel stand auf Isländisch: „Ekki Hugsa“, übersetzt; „Denk nicht nach“ oder „Hör auf zu denken“. Das war genau das, was er gebraucht hatte und so kreierte er einen Film, bei dem man alle Gedanken fallen lassen kann. Das Album „re:member“ in veränderter Form untermalt die Visuals. Anfangs erscheint in der Kuppel ein klassischer Sternenhimmel, der später von verschiedensten Formen verdeckt wird. Musik und Visuals ergänzen sich perfekt. Mal ertönt eine ruhige Pianomelodie mit amöbenartigen Gebilden, zu denen sich Wassertropfen gesellen, immer wenn ein höherer Ton erklingt. Mal wird die Musik technoider und gewaltige Rauchschwaden scheinen dem Publikum aus der Kuppel entgegen zu kommen. Mir fällt auf, dass die Gebilde immer einen „natürlichen“ Ursprung haben. Es sind keine geometrischen Figuren, sondern beispielsweise eine kreisförmige geschwungene Linie, die sich vervielfacht, mit der Musik vibriert und irgendwann wie ein durchgeschnittener Baumstamm aussieht.
Die fast einstündige Show hat einen sehr beruhigenden Effekt auf uns, aber wir trauen uns nicht, die Augen zu schließen, da wir befürchten, etwas zu verpassen.

Sofia Portanet
Wir machen uns um kurz vor zehn auf den Weg zum Grünen Jäger, um Sofia Portanet zu sehen, da sie für mich eines der Highlights des Reeperbahn Festivals darstellt.
Die junge Dame mit den spanischen und deutschen Wurzeln stürmt im roten Latex-Overall nach ihren vier Bandkolleg*innen auf die Bühne, begrüßt ihr Publikum ganz herzlich und stellt sich vor. Wir können ihren Namen aussprechen, wie wir wollen, meint sie. Mit ihrer quirligen, selbstbewussten Art macht Sofia es uns nicht schwer, sie zu mögen. Da die Band nur eine Handvoll Songs veröffentlicht hat, werden diese alle gespielt, wobei Sofia in der Sprache variiert. Da sie selber in Paris aufwuchs, wird „Planet Mars“, der neuste ihrer Tracks, nicht auf Englisch, sondern Französisch performt. Vorher meint sie, dass er ein Liebeskummersong sei, was das „Geheule“ erklärt. Dabei trifft sie jeden Ton und man kann deutlich die klassischen Einflüsse heraushören, da Portanet schon in ihrer Kindheit klassische Konzerte und die Oper besuchte. Des Weiteren bewegt sie sich bei ihren Songs „Wanderratte“, „Freier Geist“ bzw. „Free Ghost“ und „Das Kind“ irgendwo zwischen der Neuen Deutschen Welle, French-Pop, Synth-Pop und Krautrock. Frisch und neu, mit einem Hauch altem, aber keineswegs kopiert. Sehr zu empfehlen.

Bess Atwell
Zu späterer Stunde gehen wir noch in den Angie´s Nightclub, wo die junge Britin Bess Atwell ein Konzert gibt. Dies ist zugleich ihr erster Gig in Deutschland. Bess hat zuweilen meist Konzerte in England gegeben und auch schon auf dem The Great Escape gespielt. Die Singer/Songwriterin überzeugt mit ihrem Folk-Pop und manchmal auch rockigen Gitarrenelementen. All das ist in gefühlvolle Texte eingebettet und es lohnt sich, auf die Zeilen zu achten. Die ganze Band scheint ein eingespieltes Team zu sein, denn es kommt für kurze Zeit zu einem Ausfall einer Gitarre, doch das wird mit Humor und Professionalität überbrückt, sodass der Gitarrist auch schon gleich weiterspielen kann. Songs wie „Swimming Pool“, „Cobbled Streets“ und „Grace“ werden von dem 2016er Debüt „Hold Your Mind“ und der in diesem Jahr veröffentlichten EP „Big Blue“ gespielt.
Wir empfehlen, sich ihren Namen zu merken und können uns vorstellen, dass sie auch schon bald wieder nach Deutschland kommt.

Samstag
Eure Heimat ist unser Albtraum
Unser Samstag beginnt im Nochtspeicher mit einer Lesung namens „Eure Heimat Ist Unser Albtraum“, die von den Herausgeber*innen des Buches, Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, moderiert wird. Als Gast ist zusätzlich die Rapperin Reyhan Şahin da, auch bekannt als Lady Bitch Ray. Reyhan hat an diesem Tag ihr Buch „Yalla, Feminismus!“ veröffentlicht, aus welchem sie Auszüge vorliest. „Eure Heimat Ist Unser Albtraum“ handelt von Alltagsrassismus in Deutschland und beinhaltet Essays mehrerer Autor*innen. Fatma und Hengameh lesen jeweils einen Auszug aus ihrem Essay und anschließend gibt es eine kurze Fragerunde und der Hintergrund dieser Texte wird erläutert. Eine humorvolle Note aus Hengamehs Essay ist nicht zu überhören, doch letzten Endes vermitteln die Texte eine klare kritische Botschaft.
Die Bücher sind wärmstens zu empfehlen!

Sebastian Plano
Über diesen jungen Mann haben wir trotz mehrerer Alben noch nichts gehört, wollen aber gerne noch ein Konzert in der St. Pauli-Kirche oder der St. Michaelis-Kirche sehen. In der Festivalbeschreibung steht etwas von „zart angeschlagenen Pianomelodien“ und damit steht die Entscheidung auch schon fest. Wir platzieren uns in der St. Pauli-Kirche und sind etwas verwundert, dass kein Piano, jedoch ein Cello zu sehen ist. Ein junger Mann betritt die Kirche und nimmt das Cello in die Hand. Er loopt eine Melodie und irgendwann dreht er an den Synthies. Unter diesen befindet sich eine kleine elektronische Tastatur: das Piano! Er schafft es, die Besucher*innen mit seinen Melodien in den Bann zu ziehen. Ohne vergleichen zu wollen, erinnert er mich ein wenig an Martin Kohlstedt, bloß mit einem Cello im Arm. Klassik meets Electronic, sehr spannend!

Efterklang
Wir sind auf dem Weg zur für uns letzten Veranstaltung des Festivals: Efterklang in der Elbphilharmonie. Auch, wenn wir nicht zu denjenigen gehören, die sich vorgenommen haben, einmal in ihrem Leben in die Elbphilharmonie gehen zu müssen, sind wir deutlich aufgeregt und gespannt. Klar, dieses Haus ist etwas Besonderes, doch Efterklang zu sehen ist für mich das eigentliche Highlight. Wir fahren eine schier endlos scheinende Rolltreppe hinauf. Die Wände und die Decke funkeln und alle schauen sich gespannt um. Am Ende der Rolltreppe geht es weiter mit richtigen Treppen. Man hat das Gefühl, das Haus würde nur aus Treppen bestehen. Schneller als gedacht befinden wir uns im Großen Saal auf unseren Plätzen, mit denen wir wirklich Glück haben. Wir befinden uns quasi im zweiten Rang genau mittig zur Bühne. Wow! Die dreiköpfige dänische Band hat eine Drummerin, zwei Blech-/Holzbläser, eine Harfinistin und einen Gitarristen dabei. Die Band stellt an diesem Abend ihr dänischsprachiges Album „Altid Sammen“ vor, welches einen Tag zuvor erschien. Die neuen Songs sind schön, aber ruhiger. Sogar ein kleiner Chor kommt passenderweise händchenhaltend für „Hold mine hænder“ auf die Bühne. Als Sänger Casper Clausen verkündet, dass nun alte Lieder gespielt werden, jubelt und klatscht das Publikum vor Freude. „Modern Drift“, „The Ghost“ und „Dreams Today“ werden performt und man kann sich für Clausens klare Stimme keinen besseren Ort als die Elbphilharmonie vorstellen. Auch das Licht ist angenehm und erinnert zwischendurch daran, was ganz in unserer Nähe ist: Wasser. Während des Konzertes stehen immer wieder Leute auf und versuchen unauffällig ihre Plätze zu verlassen, womit natürlich bei einem Festival zu rechnen ist, doch toll finden wir es nicht. Wir können uns keinen schöneren Abschluss vorstellen, als diese harmonischen, sich zum Abschluss drückenden und Luftherzchen und –küsse in das Publikum werfenden Dänen.

Neben diesem tollen Programm sahen wir außerdem Bayonne, SYML, Sorcha Richardson, Bilk und The Japanese House, die alle gut und hörenswert sind. Es würde jedoch den Rahmen sprengen, auch noch über diese Künstler*innen zu berichten.
Das Reeperbahn Festival bewies einmal mehr, dass es einen guten Riecher für talentierte, (un)bekannte Künstler*innen und beeindruckende Locations hat und trotz dass man vom Festival letztens Endes nur einen Teil des Angebotes wahrnehmen konnte, wirkte es nicht überladen, da man sich seinen ganz eigenen Plan zurechtlegen konnte.

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