The Dears – Lovers Rock

In Reviews von Alfie

Montreal. Rockband. Jeder denkt sofort an Arcade Fire. Dabei müsste Kenner*innen der kanadischen Musikszene schon seit mehr als 15 Jahren der Name The Dears mehr als nur ein Randbegriff sein. 2003 erschien ihr gigantisches Debütalbum „No Cities Left“, dass im Grunde ausschließlich aus epochalen Hymnen bestand.

Wie so oft: der große Wurf ist gleichzeitig die Messlatte. Wer wie die Band um das Ehepaar Murray Lightburn und Natalia Yanchak bereits so früh sein Limit erreicht, ja vielleicht sogar überschritten hat, hat es schwer. Konnte der Nachfolger von 2006 „Gang Of Losers“ noch mit mehr Popappeal und fantastischen Songs glänzen und überraschen, wurde die Quote von guten Songs kleiner und die der durchschnittlichen und lieblosen Lieder leider größer.

Als großer Fan dieser Band war es schwer, da stets mitzugehen. Erschwerend kam hinzu, dass die Band auch nicht mehr in Deutschland tourte. Zwischen den letzten beiden Berlin-Shows (2006 & 2017) verging zu viel Zeit, um ein neues Publikum mit Musik zu füttern, und so war die letzte Show im Privatclub schlecht besucht und auch die Band „glänzte“ mit schrecklicher Lustlosigkeit, aufgesetzten Rockposen und gruseligem Livesound. In diese Phase fielen auch die letzten zwei Alben „Times Infinity Volume One“ (2015) und „Volume Two“ (2017), denen man die fehlende Spannung und innere Konsistenz anhörte.

Nun kehrt die Band, die im Grunde nur aus dem besagten Ehepaar und einem permanent wechselndem Staff an Mitmusiker*innen (seit 1995 sage und schreibe 21 verschiedene Musiker*innen) besteht, mit „Lovers Rock“ zurück – und nach meinen Erfahrungen der letzten Jahre plus der gerade erscheinenden Rezension im britischen NME war die Skepsis groß. Aber… hört hört: das nun vorliegende Album ist richtig richtig gut geworden und wäre nicht Corona über die Welt, die The Dears mit düsteren Bildern hier besingt, gekommen, hätte man im April bereits in Deutschland Montreals schönste Band mit diesem Werk bewundern können… vorausgesetzt sei natürlich Spielfreude und Motivation.

„Lovers Rock“ braucht mit „Heart Of An Animal“ keine Anlaufzeit, bis sich die Ohrwürmer entfalten. Der Sound ist rauer, mit einem kaputten Radiergummi sind alle schmalzigen Popskizzen der Vorgängeralben verschmiert zu einem jugendlich-brillanten Werk. Die Songs verlaufen nicht mehr linear oder gewollt verkünstelt. „Stille Lost“ als Dreh- und Angelpunkt der 10 Stücke ist raffinierter Darling und erdrückend schön, und „We’ll Go Into Hiding“ hat so viel Drive, um einen für eine längere Weile um den „Planet Dears“ wie ein Satellit kreisen zu lassen. Da hat eine Band wieder Blut geleckt und keine Lust, irgendwem zu gefallen. Das tut jeder Sekunde des Albums gut, das an so viele geliebte Einflüsse erinnert: Soul, The Smiths, Weezer der frühen Jahre, Blur (Lightburns Gesang ist da naturgemäß verwandt) und The Dears selbst zu ihren Gründerzeit.

Wenn man nun „Lovers Rock“ in einem Dears-Ranking einsortieren müsste, läge es direkt nach „Gang Of Losers“ in Lauerstellung auf Platz 3, und bevor ich nun zu lange überlege, wie ich das siebte Studioalbum finde, höre ich es lieber mit einem Glas quebekanischen Weißwein in der Hand auf Heavy Rotation, während ich mit Sicherheitsabstand im Park liegend die ersten Sommerstunden genieße.

Tracklisting

  1. Heart Of An Animal
  2. I Know What You’re Thinking And It’s Awful
  3. Instant Nightmare!
  4. Is This What You Really Want?
  5. The Worst In Us
  6. Stille Lost
  7. No Place On Earth
  8. Play Dead
  9. Too Many Wrongs
  10. We’ll Go Into Hiding

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