Interpol – This Mirror Weighs A Ton

In Reviews von Eric

Fast ein Vierteljahrhundert nach ihrem Debüt „Turn On The Bright Lights“ stehen Interpol noch immer in jenem halbdunklen Post-Punk-Raum, den sie Anfang der 2000er selbst mit entworfen haben: kalter Beton, flackerndes Neonlicht, düstere Schatten. Doch das neue, achte Album der New Yorker klingt nicht wie der Versuch, eine alte Blaupause noch einmal möglichst sauber nachzuzeichnen. „This Mirror Weighs A Ton“ wirkt vielmehr wie eine konzentrierte Selbstreflexion – ein Spätwerk, das die Vergangenheit kennt, aber nicht in ihr wohnen bleiben will.

Dieser Spiegel wiegt deshalb eine Tonne, weil Selbsterkenntnis hier körperliche Schwere bekommt. Die Band schaut auf sich, auf ihre Geschichte, auf eine Gegenwart aus Überwachung, digitaler Zerstreuung und emotionaler Erschöpfung – und findet dafür einen Sound, der vertraut dunkel bleibt, aber merklich mehr Luft, Tiefe und Farbe zulässt als manche ihrer vorherigen Veröffentlichungen.

Der eröffnende Titeltrack ist dabei gleich eine Ansage. Statt sofort auf die bekannt kantigen Gitarren setzt das Stück auf einen langsamen, fast TripHop-haften Sog: Bass, geisterhafte Stimmen, ein nächtlicher Puls. Kein Bruch mit der eigenen Ästhetik, eher deren Entkernung. Paul Banks singt mit charakteristischem Bariton nicht gegen die Weite des Klangs an; er lässt sich von ihr tragen. Die Texte des Frontmanns bewegen sich weiterhin in jener Zone, in der konkrete Bilder und rätselhafte Andeutungen ineinander gleiten. Motive von Beobachtung, Selbstverdopplung, Erschöpfung und innerer Bilanz bilden dennoch einen roten Faden.

Insgesamt öffnet das Quintett seinen Sound: Streicher und Holzbläser, elektronische Texturen, akustische Gitarren und vielschichtige Stimmen erweitern das Spektrum, ohne die typische Strenge der Band zu verwässern. Gleichwohl gibt es mit z.B. „See Out Loud“ jene Momente, in denen die alte Interpol-Maschine wieder mit erstaunlicher Verlässlichkeit anspringt: stoischer Vortrieb, nervöse Eleganz, ein Refrain, der sich nicht anbiedert und doch hängen bleibt.

Die Stärke von „This Mirror Weighs A Ton“ liegt darin, dass Interpol ihre bekannten Mittel nicht verleugnen, sie aber neu gewichten. Es ist kein nostalgischer Triumphzug, sondern ein reifes, atmosphärisch dichtes und erstaunlich vitales Album.

Tracklisting

  1. This Mirror Weighs A Ton
  2. See Out Loud
  3. Iron City
  4. Wounded Soldier
  5. Wings On Fire
  6. Ever The Actor
  7. So Rides The Reindeer
  8. Darling Thoughts
  9. Wake Up
  10. Enemy
  11. Bird And The Serpent
  12. Sudden