
The Thermals, The Rifles, Zoot Woman, Jarvis Cocker
08.08.09 - Flughafen Tempelhof / Berlin
Konzert-Bericht: Dirk
Foto: Photomic
Mit neuer Energie gewappnet, erreicht man gegen 16:30 erneut das Festivalgelände. Zu spät, um sich I Might Be Wrong zu widmen, spät genug um The Kilians nicht sehen zu müssen. Aber letztendlich doch zu früh, wie sich zeigen wird. Festivals dienen schließlich auch der Möglichkeit neue Bands zu entdecken. Was liegt da näher, als Oneida eine Chance zu geben. Vielleicht kann man damit doch etwas anfangen. Kann man nicht. Schon nach wenigen Minuten schlägt die Lärmattacke so sehr auf das sensible und noch nicht ganz wache Gemüt, dass man schnell den Rückzug antritt. Da glücklicherweise eine zweite Bühne existiert, hat die Flucht schnell ein Ende. Doch hier lässt sich erst um neunzehn Uhr der erste Act blicken. Bleibt also genügend Zeit, um sich die Location und die am zweiten Tag nicht mehr ganz so zahlreich erschienen Besucher etwas genauer anzuschauen. Nach gründlicher Betrachtung lässt sich messerscharf konstatieren, dass das Berlin Festival definitiv als Festival, nicht mehr aber als Open Air durchgeht, da sich die Bühnen und letztendlich fast alles unter einem Dach befinden. Genauso bemerkenswert ist, dass bei einigen Gästen, nachdem sie des Abends, am Zaun sitzend, immer wieder ins gleißende Licht getaucht, Gefängnislagerassoziationen hervorgerufen wurden. Kann man verstehen.
Doch zurück zur Musik. Als nächste erklimmen The Thermals die Hauptbühne. Doch leider sind die Songs auf Höhe der Hallenmitte kaum zu erkennen. Erst nach und nach schälen sich vertraute Melodien heraus. Die als kluge Texter bezeichneten Thermals offenbaren allerdings zu ungestümen, nach vorne preschenden Punkpop, so dass die Soundprobleme in diesem Fall nicht so sehr ins Gewicht fallen. Bei der folgenden Band verhält sich das Ganze natürlich anders. Denn mit The Rifles wartet schon einer beiden Höhepunkte des Tages auf das schweißgebadete Publikum. Also heißt es schnell, in die ersten Reihen zu gelangen um das Konzert angemessen genießen und goutieren zu können. Dabei gelingt es dem Londoner Quartett um Frontmann Joel Stoker, fast vollständig die Erwartungen zu erfüllen. Mit einem Set bestehend aus alten Hits („Local Boy“, „Peace & Quiet“, „Repeated Offender“ , „She’s Got Standards“) und Stücken des neuen Albums („The Great Escape“, „Sometimes“, „Romeo And Juliet“), führt der unprätentiöse und spielfreudige Auftritt zur bisher stärksten Publikumsresonanz des Festivals. Fast überall erblickt man glückliche, hüpfende oder tanzende Gesichter. Einzig zu kritisieren bleibt, dass die beiden besten Songs des neuen Albums („The General“ und „Science In Violence“) nicht performt werden.
Danach erklingen die passablen Zoot Woman, welche vor allem ihr neues, Ende August endlich erscheinendes Zweitwerk „Things Are What They Used To Be“ mit Juwelen wie den Singles „We Won’t Break“ und „Live In My Head“ im sehr gut gefüllten Hangar ins Zentrum ihres heutigen Outputs stellen, ohne dabei die Vergangenheit mit Hits wie „Grey Day“, „It’s Automatic“, „Living in A Magazine“ außer Acht zu lassen. Nicht wenige zufriedene Gesichter lassen sich auch nach diesem Gig zählen. Doch steht nun der zweite Höhepunkt des Abends an. Mr. Jarvis Cocker himself hat auf dem Berlin Festival hierzulande seinen einzigen Festivalauftritt, bei dem er zu großen Teilen sein aktuelles Werk „Further Complications“ präsentiert. Wie nicht anders zu erwarten, entsteht ein hervorragendes Konzert, das die neuen Songs kongenial integriert. Natürlich stellt die einzigartige, unerreichbare, ironisch gebrochene und humorvoll tänzelnde Show Jarvis Cockers jegliche andere Band dieser gelungenen zwei Tage in den kühlen Schatten. Schon nach wenigen Sekunden nämlich erklärt seine Exzellenz in bestem Deutsch: „Heute gehen wir steil!“ Das Wort untertrieben reicht für das, was nun folgt, bei weitem nicht aus. Denn es erweist sich wieder einmal als unglaublicher Genuss, ihm beim Performen zuzuschauen. Auch die mehrfach mittelmäßigen jungfräulichen Stücke können das Erlebnis in keiner Weise trüben. Zu brillant geraten das Konzert, zu witzig die immer wieder eingestreuten deutschen Ansagen. Sogar die Mitglieder seiner Begleit-Band können sich ein Grinsen mitunter nicht verkneifen. Wenn Sir Cocker jetzt auch noch alte Pulp-Songs herbeizaubern würde, wäre das Glück perfekt. Aber das passiert natürlich nicht und wird in naher Zukunft auch leider nicht geschehen. Doch wünscht man sich eine Pulp-Reunion, denn musikalisch kann Cocker bei dieser atemlosen Aufführung nicht restlos überzeugen. Aber den Preis für den besten Auftritt beim Berlin Festival hätte er allemal verdient.
Weil nach Jarvis Cocker nichts mehr kommen kann, spart man sich die Deichkind-Bande: „Kein Bock auf Remmidemmi!“ Müde und einigermaßen zufrieden heißt es nun Abschied zu nehmen, dabei auf besseren Sound und ein besseres Line Up mit qualitativ noch hochwertigeren Bands im nächsten Jahr zu hoffen. Bis dahin. Auf ein Wiedersehen.
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