
DAMON ALBARN über das Konzert: „Mein Herz ist gut heute Abend“.Meine Konzerterfahrungen in Berlin haben gezeigt, dass man nie pünktlich erscheinen sollte, da sich der Konzertbeginn bis zu 3 Stunden verzögern kann. Wer hätte gedacht, dass es im Tempodrom anders sein könnte. Noch eben am Bierstand, stand bereits MTV-Legende RAY COKES auf der Bühne, um im Rahmen der ARTE-Reihe „Music Planet 2nite“ den Support THE CORAL anzukündigen. Das Tempodrom war zwar nicht ausverkauft, aber im Innenraum der Halle war kein Stehplatz mehr frei. Also mussten wir uns mit einem Sitzplatz zufrieden geben. Wie bescheiden schön ein Konzert von diesem Platz aus sein kann, hat mich den ganzen Abend geärgert. Vergleichbar mit den nächtlichen Konzerten des WDR, von denen man sich anteilslos nach durchtanzter Nacht berieseln lässt. Bei THE CORAL war dieser Platz allerdings gut gewählt, die sechs Musiker mit dem Charme einer Schülerband ließen es eher ruhig krachen. Das Publikum schien gelähmt, auch bei den beiden wohl schönsten Songs „Don’t think you’re the first“ und „Secret Kiss“ vom aktuellen Album „Magic and Medicine“ war eine gewisse Distanz zu spüren. Rock’N’Roll funktioniert anders, besser THE CORAL mit einem narkotischem Getränk zuhause anhören. Ich hatte derweil die ganze Zeit das Gefühl auf einem Pferd zu sitzen, soviel gediegene Country Stimmung wurde dem Album eingehaucht. Zu diesem Bild passte auch der Bewegungsstil des Gitarristen, der völlig unerwartet mit seinen Füssen das Scharren eines Pferdes nachahmte. Umhüllt von Nebel und minimalistischem Licht konnte man die Band am Ende nur noch silouettenhaft erkennen.
Das Publikum sehnte sich nach BLUR, für viele Helden der Jugend und Kultband des Britpop. Nach 4 Jahren Bühnenabstinenz betraten endlich DAMON ALBARN, Ersatzgitarrist SIMON TONG (Ex-THE VERVE, THE SHINING), Schlagzeuger DAVE ROWNTREE, Bassist ALEX JAMES, ein Keyboarder, ein Percussionspieler und ein dreiköpfiger Backgroundchor das Tempodrom. Vornehmlich wurde die neue Platte „Think Tank“ promotet, die frei vom Britpop alter Tage, trotzdem als ein Pop-Werk mit grenzenloses musikalischen Raffinessen betrachtet werden kann. Die Show wurde somit auch mit „Ambulance“, einer Drum&Bass vertrackten Ballade vom aktuellen Album eröffnet. Was dann folgte, war eine gut ausgewählte Reihe von Hits wie „Beetlebum“ oder „Girls & Boys“ vom bisher gelungensten Album „Parklife“. Bei der Nummer schmeißt DAMON seine schwarze Lederjacke ab, schüttet Wasser ins Publikum und springt in die vorderen Reihen. Von meinem Platz sieht alles wie ein Wackelpudding aus, eine wabernde Masse,die flashmobartig unaufhörlich das Thermometer rauf und runter springt. Aufgewärmt geht es weiter mit „Badhead“, „Good Song“ und „Gene by Gene“ während DAMON zwischen akustischer und E-Gitarre wechselt. Bassist ALEX JAMES - sehr sexy mit Dreitagebart und weißem T-Shirt - wandert mit wackelndem Hintern über die große Bühne.
Die Laune von DAMON steigt sichtlich als er für den Song „Tender“ den Backgroundchor an seine Seite stellt und bei „C’mon C’mon... Love’ s the greatest thing“ mit dem Publikum flirtet. Auch während dieser Momente bleibt Gitarrist SIMON TONG unauffällig im Hintergrund. Die Stimmung kocht. Auf diesem Höhepunkt wird es mit „Carvan“ ruhiger, DAMON nimmt die leicht gebückte Haltung am Micro ein, wie man sie von LIAM GALLAGHER gewohnt ist und ALEX JAMES setzt sich an den Rand der Bühne. Statt das Tempo zu wechseln beweisen BLUR mit „Out of Time“, dass sie ihr gutes Gespür für Balladen nicht verloren haben.
In diesen Momenten hält man es gerade noch so auf dem Stuhl aus, bis eben „Song 2“ losrockt. Einige jämmerliche Versuche des Stagedivings wirken dabei einfach nur lächerlich. Nach „The Universal“ verlassen BLUR die Bühne und das allgemeine Zugaben-Rate-Spiel greift um sich. Klar, „Coffee and TV“ fällt aus, weil GRAHAM COXON auf unbestimmte Zeit beurlaubt wurde. Als hätte DAMON die Gedanken einiger Konzertbesucher erraten, spielen BLUR als erste Zugabe „For Tomorrow“, von zweiten Album „Modern life is rubbish“ was mit Begeisterung gefeiert wird. Die restlichen Zugaben versprechen keine Hymnen, viel mehr dominieren mit „Strange news from another star“ experimentelle Gitarrensoundteppiche a la MOGWAI oder wie mit „We’ve got a file on you“ Ausflüge in den Punkrock. Wer mit BLUR lieber vor dem Fernseher abhängen möchte, sollte am 11.11.03, dem Beginn der wohl peinlichsten Erfindung „Karneval“ um 23.30 Uhr ARTE einschalten.
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