
Nachdem wir zwei Jahre lang nichts mehr von ihnen gehört haben, melden sich Seachange aus Nottingham mit ihrer zweiten Platte „On Fire, With Love“ zurück und touren derzeit zur Veröffentlichung durch Deutschland. Für uns Grund genug, sie ein weiteres Mal zu interviewen und nachzuhaken, warum die Dinge in den letzten zwei Jahren solche Wendungen nahmen. Kurz vor dem Konzert gaben uns Sänger Dan Eastop und Gitarrist Dave Auskunft.
Soundmag: Schön, euch wieder zu sehen! Unser letztes Interview liegt genau zwei Jahre zurück. Was habt ihr die letzten zwei Jahre gemacht?
Dan: 2004 haben wir fast das ganze Jahr lang getourt. Als wir dann nach Hause kamen, dachten wir darüber nach, ein zweites Album aufzunehmen. Wir hatten sehr viele Ideen, wahrscheinlich zu viele. Also verbrachten wir Weihnachten 2004 damit, das Album zu schreiben. Anfang 2005 gingen wir dann ins Studio. Es war ein Studio in Cornwall. Als wir dort hingingen, hatten wir zwar unsere Ideen im Gepäck, jedoch waren diese noch längst nicht fertig. Wir hatten den verrückten Plan, zwei Alben aufzunehmen. Wir wollten ein Folk-Album machen und ein Album mit lauten Popsongs. Wir kamen also dort an und hatten wie immer nicht genug Zeit. Als wir zurückkamen, waren wir mit dem Album nicht wirklich zufrieden. Also verbrachten wir den Rest des Jahres damit, zu relaxen und darüber nachzudenken, was wir eigentlich tun. Wir wollten einen Abstand zum Album gewinnen, um dann noch einmal aufzunehmen, in der Art und Weise, wie wir es gern hätten. Außerdem war es schön, mal wieder andere Dinge zu machen und ein normales Leben zu führen. Das war toll. Kurz nach Weihnachten hatten wir das Album dann im Kasten.
Dave: Wir haben unser eigenes Studio, was uns sehr dabei geholfen hat, uns die Zeit zu nehmen die wir brauchten. Außerdem hatten wir auch andere Dinge zu tun, z.b. Geld verdienen… (Gelächter)
Dan: Ja, und Adam und Johanna haben gerade erst ein Baby bekommen. Es gab also andere Prioritäten als die Musik. Das ist jedoch auch sehr gesund. So wird dir einfach klarer, warum wir das tun, was wir tun. 2004 war sehr intensiv und anstrengend, was uns jedoch auch gut getan hat, denn wir, als Band, sind nun viel relaxter.
Dave: Außerdem sind wir auch sehr zufrieden mit dem Album.
Soundmag: Ihr spracht gerade davon, dass ihr euren Weg finden musstet. Ihr wolltet heraus finden, warum ihr all das tut und was ihr tut. Aber was war es im Endeffekt? Und was war euer Ziel im Bezug auf das neue Album?
Dan: Wenn ich für mich spreche, dann hatte ich viele Ideen. Ich schrieb eine Menge Texte über Liebe und Beziehungen. Auf der einen Seite waren dort Menschen, die wir auf Tour trafen und auf der anderen Seite die Menschen, die wir zu Hause ließen. All diese Gefühle, die man anderen Menschen gegenüber hat, sind sehr verschieden. Sie haben alle einen anderen Charakter. Kein Gefühl ist besser als das andere, aber man hat zum Beispiel: Verlangen, Leidenschaft, Sehnsucht. Ich schrieb also diese Texte, die wie kleine Liebesbriefe sind. Das Herz des Albums rührt für mich also daher. Diese Platte ist mehr nach außen denkend, als nach innen. Denn dieses Mal geht es um andere Menschen. Man kann mehr Liebe und Verständnis auf der neuen Platte finden. Die erste Platte hingegen war sehr kalt.
Dave: Aber nur an manchen Stellen. Ich finde viele Stellen der alten Platte immer noch warm! (Gelächter) Auf der letzten Platte kann man die Isolation mehr hören und spüren, wobei dieses Mal mehr Menschen einbezogen wurden.
Soundmag: Somit sind die Songs alle autobiografisch?
Dan: Ja. Ziemlich…Obwohl…Ja…
Soundmag: Dann habe ich hier eine Frage für dich!
Dave: (lacht) Los!
Dan: Ich kann ja eh nicht lügen….
Soundmag: Es geht nur um die Textzeile „German coffee makes me horny“ in dem Song „In“….
Dan: Yeah. Das letzte mal als wir in Deutschland waren, traf ich jemanden. Ich denke, dass ich an diese Zeit dachte, als ich den Song schrieb. Es ist schwer zu beschreiben. Wir waren auf Tour und hatten kaum Schlaf. Wenn du dann aufstehst, bist du sehr schwach und trinkst als erstes eine Tasse Kaffee, obwohl du noch nicht einmal weißt, wo du überhaupt gerade bist. „In“ ist somit ein Liebesbrief an eine Person, die ich in Deutschland kennen gelernt habe. Ich denke, ich habe den deutschen Kaffee eingebaut, weil er mich an die Zeit erinnert hat…und halt den Fakt dass er mich horny macht… (Gelächter)
Soundmag: Okay. Belassen wir es dabei. Ihr wolltet also zunächst ein Doppelalbum heraus bringen?
Dave: Ich weiß nicht genau, ob wir eine Doppel CD heraus bringen wollten. Der Plan war zwei separate Alben aufzunehmen. Nachdem wir von der „Lay of the Land“ Tour zurück kamen, waren wir ziemlich k.o., es war eine sehr intensive Zeit und als wir zurückkamen, fingen wir an, ruhige, akustische und folkige Songs zu schreiben. Wir liebten diese Songs. Trotzdem hatten wir immer noch laute Songs und wussten nicht, wie wir beides zusammen vereinen sollten. Daher rührte die Idee, zwei Alben daraus zu machen. Außerdem wollten wir diese zwei Seiten unserer Musik aufzeigen. Nach der Tour arbeiteten wir also mehr an den langsamen Songs, wir hatten ziemlich viele Geigenparts in den Songs.
Dan: Dann kam es jedoch dazu, dass Johanna schwanger wurde und die Band verlassen wollte. Trotzdem wollten wir ruhigere Songs schreiben und auf die Geige nicht verzichten. Somit hätten wir sie mehr mit einbeziehen müssen. Weihnachten 2004 spielten wir dann ihr Abschiedskonzert in Nottingham. Es war sehr traurig und sehr emotional. Wir spielten ausschließlich ruhige Songs, was sehr angenehm war, nachdem wir ein Jahr lang mit lauten Songs auf Tour waren.
Dave: Ja, wir haben das sehr genossen und wollten diese Songs unbedingt veröffentlichen. Das tun wir jetzt auch auf bestimmte Weise, da wir eine Tour EP verkaufen, die ausschließlich die Songs aus dieser Zeit beinhaltet. Manche Songs auf der EP stammen von einer simplen Idee. Die meisten haben wir selbst nur einmal gespielt. Das war eine neue Erfahrung für uns, da wir alle an den Songs schreiben und alle unsere Ideen mit einfließen ließen.
Soundmag: In den letzten zwei Jahren hat man nicht viel von euch gehört. Jetzt seid ihr zurück und seid plötzlich auf einem deutschen Label namens Glitterhouse. Vorher wart ihr bei Matador. Bis jetzt weiß keiner, warum ihr Matador verlassen habt…
Dan: Wir wissen es selbst nicht…Um ehrlich mit dir zu sein, wissen wir nicht, was passiert ist. Als wir unser zweites Album fertig hatten, wollte Matador es nicht veröffentlichen. Diese Leute sind wirklich nett und ich denke auch, dass wir nette Menschen sind und daher haben wir es einfach akzeptiert, dass sie unser Album nicht heraus bringen wollten. Wir haben jedoch nicht weiter nachgehakt bzw. dafür gekämpft heraus zu finden, warum das so ist. Dann kam Glitterhouse ins Spiel, indem sie uns fragten, ob wir ein Album heraus bringen wollen würden. Es schien mit unseren Leben überein zu stimmen und deshalb sagten wir zu.
Dave: Wir haben sie immer noch nicht getroffen!
Dan: Stimmt! (Gelächter) Ich glaube, wir treffen sie in zwei Tagen das erste Mal.
Soundmag: Bringen sie euer Album denn auch in England raus?
Dan: Sie werden es in Europa veröffentlichen und wir werden es dann selbst in England heraus bringen, über unser Label.
Soundmag: Wie seid ihr dem gegenüber eingestellt? Die letzte Platte wurde in England ja vollkommen verrissen.
Dave: Ja, wir haben da irgendwie den Radar in England verpasst.
Dan: Wir haben zwar Presse in England bekommen, das Problem war nur, dass sie nicht gut war. Der NME gab uns ein oder zwei Punkte. Das war ein sehr trauriger Tag.
Dave: Ja, das war ein schlechter Tag! Ich kann mich ganz genau daran erinnern. Wir sollten an dem Tag eine Show in Liverpool spielen.
Dan: Ja, wir waren auf dem Weg nach Liverpool und hielten an einer Tankstelle an, um den NME zu kaufen, da es Mittwoch war und der NME Mittwochs heraus kommt. Wir lasen die Review noch während wir in der Tankstelle standen.
Dave: Schimpften sie uns nicht einen Haufen narzisstischer Goths?
Dan: Ja, so was in der Art. Das kann ich noch vertragen. (lacht) Ach, ich weiß nicht. Die Produktion der Platte ist jedoch sehr herausfordernd. Es kann sein, dass man ein paar Hördurchgänge braucht, um hinein zu kommen. Die englische Presse mag jedoch Musik, die einfacher zu verstehen ist.
Dave: Damals haben wir sogar Ideen auf die Platte gebracht, bei denen wir dachten, dass wir sie hätten besser machen können. Somit verstanden wir es ein wenig, dass manche Menschen es nicht mochten.
Dan: Jedoch mochten es sehr viele Menschen gerade so! Sie verstanden die Platte. Und das hielten wir uns immer vor Augen.
Dave: Wir waren auch sehr naiv. Es war unsere erste Platte. Wir hatten keine Ahnung, was wir da taten.
Soundmag: Das hört sich an, als ob ihr jetzt weiser wäret?
Dan (schmunzelt)
Dave: Na ja, ein wenig. Ich wahrscheinlich am allerwenigsten. (Gelächter)
Dan: ich habe daraus auf jeden Fall gelernt, Dinge mehr zu genießen und mich nicht um Meinungen von anderen Leuten zu scheren. Ich möchte einfach Musik machen, die ich machen möchte.
Dave: Selbst jetzt möchten wir immer noch weitermachen und mehr experimentieren. Die neue Platte fühlt sich einfach richtig an.
Dan: Als wir damals ins Studio gingen, um „Lay of the Land“ aufzunehmen, hatten wir die Songs bereits Jahre vorher geschrieben und schon tausend Mal gespielt. Wir wollten es selbst für uns interessanter machen und nahmen das Album auf eine ganz andere Art und Weise auf, auch wenn sie sehr seltsam war. Wir hätten es uns also einfach machen können, aber das wollten wir nicht.
Dave: Je mehr Zeit vergeht, desto mehr schätze ich es, wie die Platte klingt.
Dan: Jetzt, nach der zweiten Platte, macht die erste Platte sogar mehr Sinn.
Soundmag: Plant ihr denn schon eure dritte Platte?
Dave: Wir schreiben laufend Songs. Wenn wir die Möglichkeit bekommen, eine dritte Platte zu veröffentlichen, dann werden wir das definitiv auch tun.
Soundmag: Lasst uns noch einmal auf Johanna zu sprechen kommen. Sie hat die Band nun verlassen.
Dave: Sie spielt immer noch auf den Songs mit.
Dan: Ja, sie hat die Band nicht offiziell verlassen. Jedoch hat sie nun ein kleines Baby. Sie kann also nicht mit uns auf Tour kommen. Das ist einfach logisch.
Dave: Wir vermissen sie jedoch!
Dan: Ja! Sehr sogar!
Soundmag: …den weiblichen Part der Band…
Dan: Das und die Geige!
Soundmag: Was macht ihr ohne sie live?
Dave: Wir haben ein neues Bandmitglied! Neil!
Soundmag: Und er spielt Geige?
Dave: Nein! Aber er lernt es gerade! Er wird also bald Geige spielen!
Soundmag: Das hört sich an, als ob ihr ihn dazu gezwungen habt.
Dave: Ja!
Dan: Nein. Er wollte es selbst lernen. Er wollte es zumindest versuchen. Während der letzten Shows, die wir gespielt haben, hat es wirklich angefangen Klick zu machen. Davor war es für uns alle schwer.
Dave: Neil hat einen Einfluss auf uns. Er mochte unsere Band und war sowieso mit uns befreundet.
Dan: Als Johanna uns verließ, waren wir kurz davor uns zu trennen. Als er dazu stieß, stabilisierte es uns. Für ihn war das natürlich schwer, aber er gab nicht auf. Er war der Einzige, der fokussiert war, obwohl wir alle am Boden waren und nicht wussten, was wir tun sollten. Er hat der Band also Leben eingehaucht und das war toll. Was die alten Songs anbelangt: Manche lassen wir einfach weg, und manche spielt Neil einfach auf der Gitarre. Es klingt anders, jedoch immer noch toll.
Soundmag: Ihr habt immer die Musikszene Nottinghams unterstützt. Wie sieht die Sache im Moment aus?
Dave: Brilliant! Im Moment gibt es so viele tolle Bands in Nottingham. The Lords, Escapologists, Saint Joan, Amusement Parks On Fire…Es gibt so viele...Chemistry Experiment. Und wir kennen uns alle. Wir helfen uns gegenseitig und sind sehr gute Freunde. Bands von Nottingham unterstützen und beeinflussen sich somit gegenseitig. Escapologists zum Beispiel: Sie haben einen unglaublich guten Gitaristen, dem ich bereits zuschaute, um Gitarre zu lernen.
Dan: Wir leben in einer richtigen Blase in Nottingham, die gut zu funktionieren scheint.
Soundmag: Hört sich an, als ob ihr niemals dort weg wollt.
Dave: Doch!
Dan: Ja, aber das hat keine musikalischen Gründe. Wir leben nun schon seit zehn Jahren in Nottingham und sehnen uns nach etwas Neuem.
Dave: Keiner von uns kommt eigentlich aus Nottingham. Es ist also nicht unsere Heimatstadt.
Soundmag: Dann werdet ihr zusammen umziehen?
Dave: Darüber haben wir uns noch gar keine Gedanken gemacht!
Dan: Stimmt! Wir werden sehen, was passiert…
Soundmag: Dann viel Glück dabei!
Dave: (lacht) Oh, Danke schön!
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